Gefangen im Paradies: Corona-Lockdown vor Panama

“Shogun” mit Vorschoterin Susi© knut
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Seit wenigen Wochen ist am Tor zum Pazifik Schluss mit lustig: Es geht nicht mehr weiter, Lebensträume platzen oder werden wenigstens verschoben. Knut und Partnerin Susanne sitzen auf ihrer „Shogun“ mitten im gar nicht so paradiesischen Geschehen. Der Skipper berichtet für SR.

Der Pazifik ist das Traumziel eines jeden Seglers. Der Weg dorthin ist weit, egal ob man aus dem Mittelmeer, der Ost- oder der Nordsee startet.

Der Panamakanal ist das Tor, durch das man den Pazifik erreicht. Es ist das Tor zu Seglers größtem Spielplatz, zu einer Welt aus Inseln und Atollen und zeitlosen Überfahrten im Passat.

Wie ein kleines Kind, dass sein erspartes Taschengeld eingesteckt hat und zum Spielzeugladen geradelt ist um dort – Mittagspause! – abgewiesen zu werden, sitzen ein paar Dutzend weitgereister Crews auf ihren Schiffen und schauen sehnsüchtig auf den Spielplatz Pazifik. Nur gucken, nicht anfassen! Spielen verboten! Widerspruch zwecklos! Die Laune an Bord der verschiedenen Schiffe ist, je nach individuellem Temperament der Crews enttäuscht, trotzig, manchmal rebellisch.

Brodelnde Gerüchteküche

Anfang März verdichteten sich an den Ankerplätzen in Panama die Gerüchte, dass im Zuge der Corona-Krise Maßnahmen auch in Panama zu erwarten wären. In morgendlichen VHF-Funkrunden beiderseits des Panamakanals melden einzelne Crews geschlossene Marinas und kündigen Probleme mit den Behörden an. Nicht alle Alarmmeldungen sind wahr. Die brodelnde Gerüchteküche spiegelt die Nervosität der Crews wieder.

Die Stimmung an der Karibikküste Panamas ist angespannter als an der Westküste. Am 10. März macht zunächst die Shelterbay Marina, direkt an der karibischen Kanaleinfahrt gelegen, dicht. Aus dem Ausland kommende Schiffe dürfen die Marina nicht mehr anlaufen, müssen vor der Marina ankern und die gelbe Flagge Q setzen. Die Marina verspricht Proviant und Wasser per Dingi zu liefern. Schiffe, die bereits in Panama einklariert sind, dürfen weiter in der Marina festmachen.

Der Congreso, die Selbstverwaltung der Guna-Indianer für das Gebiet Guna-Yala und die dazugehörigen San Blas Inseln, beschließt am 11.3. 2020 jede Art des Tourismus im Indianergebiet an der panamaischen Grenze zu Kolumbien zu verbieten. Dies betrifft primär Rucksacktouristen, eine touristische Infrastruktur haben die Indianer an ihrem Küstenstreifen und auf ihren Inseln bislang zu verhindern gewusst.

Aber auch Charterschiffe sind vom Bann der Häuptlingsversammlung betroffen. Offiziell war Yachtcharter in den San Blas auch vorher nicht erlaubt, es wurde in einem überschaubaren Maße lediglich geduldet. Nun schauen die Indianer etwas genauer auf die Schiffe zwischen ihren Inseln und sprechen Verweise aus, wann immer sie Chartergäste auf den Yachten erkennen. Normale Yachties dürfen sich vorerst weiter in der paradiesischen Inselwelt der San Blas tummeln. Zumindest solange die Crew den Indianern gesund und munter vorkommt. Wer hustet oder Fieber hat, wird unmissverständlich aufgefordert, das Indianergebiet zu verlassen.

Über die Steine an Land

Wenige Tage später, am 17.3.2020 werden alle Marinas in Panama offiziell geschlossen. Damit sind neben Shelterbay, Linton Bay, Turtle Cay und den Marinas in den Bocas auf der Karibikseite auch die Marinas La Playita und Flamenco Bay nahe Panama City sowie die etwas weiter nördliche gelegene Vista Mar Marina geschlossen.

Uniformierte, bewaffnete Mitglieder der Aeronaval-Truppen bewachen die Marinazufahrten und sorgen für die Einhaltung der Regeln.

Vor den Marinas ankern noch einige Schiffe, allerdings sind die Dingidocks in den Marinas nun auch geschlossen. Um an Land zu kommen muss man entweder lange Dingifahrten zum nächsten Steg in Kauf nehmen oder über Steine an Land klettern. Unser Leben an Bord wird beschwerlicher.

Um den 19.3.2020 werden bei den Bocas, ein beliebtes Gebiet an der Karibikküste nahe der Grenze zwischen Panama und Costa Rica, zwei ankommende Segelyachten von der Küstenwache zuerst am Anlaufen eines Ankerplatzes gehindert, dann hinaus auf See geschleppt und erst nach hitzigen Diskussionen wieder in die Ankerbucht geleitet, wo sie für 14 Tage unter Quarantäne vor Anker gelegt werden. Die Crews dürfen keinen Schritt an Land machen.

Letzte Ziffer im Reisepass

In der Zeit vom 20.3. bis zum 24.3.2020 wird eine nicht weiter definierte Ausgangsperre verhängt. Sofern nicht unbedingt notwendig, darf niemand das Haus oder sein Boot verlassen und keine unnötige Strecken in der Öffentlichkeit zurücklegen. Mangels genauer Definitionen, was nötig ist und was nicht, bleibt die Wirkung dieser Anweisung überschaubar.

Die zuständigen Behörden bessern schnell nach. Am 25.3.2020 wird verkündet, dass man pro Tag eine Stunde in dem Supermarkt oder zur Apotheke darf. Die individuelle Stunde definiert sich aus der letzten Ziffer der Nummer des Reisepasses. Zusätzlich ist eine halbe Stunde Anfahrt und eine halbe Stunde Heimfahrt gestattet. Die Behörden gewähren also zwei Stunden Auslauf pro Tag.

Bereits am 1.4.2020 werden die Fesseln noch ein wenig enger gezogen. Nun dürfen Männlein und Weiblein nicht mehr am selben Tag vor die Tür oder an Land. Zusätzlich zu den zeitlichen Restriktionen werden drei Wochentage für Männer und drei Wochentage für Frauen definiert, an denen eingekauft werden darf. Sonntags darf niemand mehr vor die Tür oder an Land.

Unter 65 Fuß? Panama-Kanal gesperrt!

Zwischenzeitlich wird der Panamakanal in beide Richtungen zur Durchfahrt für Boote unter 65 Fuß gesperrt. Seit dem 7.4.2020 dürfen auch kleinere Yachten wieder den Kanal befahren. Für die Crews gelten strenge Quarantänevorschriften, die üblichen Formalitäten dürfen nur von einem eigens zu buchenden Agent erledigt werden.

An Bord der Schiffe herrscht eine komplett andere Stimmung als die, die Crews von diesem Moment am Eingang zum Pazifik erwartet hatten. Statt Vorfreude, Euphorie, Spannung herrscht nun direkt vor oder unmittelbar hinter dem Tor zum größten Spielplatz der Segler vor allem eins: Unsicherheit.

Jetzt ist die Saison zur Weiterfahrt nach Polynesien, doch die Behörden in Polynesien machen unmissverständlich klar, Segler sind auf absehbare Zeit nicht willkommen. Alternative Routen, die so gerne bemühten Strecken „abseits der Trampelpfade“, mit denen viele ihre Reise schmücken, sind ebenfalls keine Option. Lediglich Mexiko und Nicaragua lassen theoretisch noch Schiffe ins Land. Man wird zwar einklariert, ist aber nicht willkommen und soll nach Möglichkeit bleiben, wo man ist. Einladend klingt so etwas nicht. Alle weiteren Länder haben ihre Häfen für Segler komplett geschlossen.

Anker auf und Segel setzen ist mangels möglicher Destinationen keine Option mehr. Ein merkwürdiges Gefühl, da wir das Leben an Bord als die freieste aller Daseinsformen gewählt haben!

Visum – das dringende Thema!

Dass wir Panama nicht verlassen können, bedeutet nicht, dass wir hier die Lockdown – Phase einfach aussitzen können. Formalitäten wie eine Visumsverlängerung oder die Verlängerung des Cruising – Permits für das Schiff sind auf dem normalen Wege nicht mehr zu bekommen. Schon alleine weil die zuständigen Büros weitestgehend geschlossen sind.

Eine fehlende Einklarierung hat vor ca. 18 Monaten einen Segler anlässlich einer normalen Kontrolle im Bus von Colon nach Panama City einen Aufenthalt im Gefängnis von Colon eingebracht. Mit fehlenden Visa haben die Behörden in Panama noch nie viel Spaß verstanden! Umso dringender wird dieses Thema, wenn man aufgrund von Corona länger als geplant und laut Visum vorgesehen im Lande bleiben muss! Dreimal wichtig ist das Thema Aufenthaltserlaubnis, wenn man bei jedem Besuch im Supermarkt davon ausgehen muss, dass Polizisten einen Blick in den Pass werfen wollen. Alleine schon, um zu prüfen ob man sich an die Vorgaben bzgl. der individuellen Einkaufzeiten hält!

Botschaft? Nutzlos!

Ein Anfrage bei der Deutschen Botschaft sollte das notwendige Wissen zur Visaverlängerung in Zeiten von Corona bringen. Theoretisch…… Tatsächlich kann oder will die Deutsche Botschaft in Panama City keine Informationen zum Thema Visaverlängerung in Panama zur Verfügung stellen!

Ob der Deutschen Botschaft in Panama nun schlicht das Know-how fehlt, wie ein Visum in Panama verlängert werden kann oder ob dieses Standardwissen in der Botschaft vorhanden ist, die Damen und Herren dieses Wissen aber lieber – warum auch immer – für sich behalten wollen, wissen wir nicht. Beide Optionen lassen die Deutsche Botschaft in Panama City in einem schlechten Licht erscheinen. In der aktuellen Lage ist die Deutsche Botschaft in Panama City vollkommen nutzlos.

Diese Erfahrung haben neben uns auch andere Crews zu anderen Gelegenheiten machen müssen.

Segler, die mit einem festen Zeit – und Finanzplan gestartet sind um sich den Lebenstraum der Weltumsegelung mit dem Highlight der Pazifischen Inselwelt in vielleicht drei bis fünf Jahren zu erfüllen, stehen jetzt und hier in Panama vor unangenehmen Entscheidungen: Abbruch der Reise, Umkehr oder Weiterfahrt? Unter Umständen erst in der kommenden Saison nach Polynesien starten und damit den Zeit – und Finanzrahmen riskieren? Klar ist, wer von hier aus weiterfährt, kommt so leicht nicht mehr zurück nach Europa!

Unabhängig von der Langfristplanung haben die anfänglich widersprüchlichen Gerüchte über die behördlichen Maßnahmen, über geschlossene oder geöffnete Grenzen, die eine oder andere Crew dazu bewegt, erst einmal auszuklarieren. Nach dem Motto „Wer weiß, wie lange das noch möglich ist!“. Oft unmittelbar bevor die Meldung über Grenzschließungen in den Zielländern eintrudelte.

Wer ist schneller?

Nun vagabundieren auch liebe Freunde von uns, obwohl offiziell nach Polynesien ausklariert, in panamaischen Gewässern und müssen hoffen, dass z.B. Polynesien seine Tore schneller öffnet als ein Behördenvertreter Panamas einen Blick in die Schiffspapiere und Pässe werfen will. Keine schöne Situation!

Andere Schiffe haben überhastet ausklariert und sind sofort gestartet. Einige dieser Freunde sind mittlerweile gesund und munter auf den Marquesas gelandet und direkt aufgefordert worden, unmittelbar nach Tahiti weiter zu segeln um ihr Schiff dort zu parken und nach Hause zu fliegen. Nicht unbedingt das erhoffte Willkommen im Paradies!

Wieder andere Crews sind ob der ganzen Situation so nervös, dass sie sich in ihren Schiffen verschanzen, besorgt, von den Behörden zur Abfahrt aufgefordert zu werden, obwohl kein anderes Land ihnen die Häfen öffnet.

Nüchtern betrachtet ist Panama aktuell nicht der schlechteste Platz, die Corona-Pandemie auszusitzen: Die Infektionsquote ist, verglichen mit vielen Gegenden in Europa gering. Die Ausgangssperren wurden früher und konsequenter als in Europa durchgesetzt. Und sobald die Grenzen wieder geöffnet werden, sind wir hier am besten Ort, um in die Inselwelt des Pazifik zu starten. Dies ist Grund genug, hier zu bleiben und auf ein baldiges Ende der Pandemie und ihrer Folgen zu hoffen! Danach wird wieder gesegelt!