Yachtcharter Niederlande: Wattensee

Gehören zum Revier dazu: die Plattbodenschiffe der braunen Flotte
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Das Watt: Gezeiten, Priele, einzigartige Natur – aber auch navigatorische Herausforderungen. Die lassen sich jedoch meistern. Und dann gibt es noch die Inseln

ANREISE

Charterschiffe, um das Watt zu befahren, liegen immer am IJsselmeer. Daher gilt auch für die Anreise zum Watt: Die Region um das IJsselmeer ist wegen der einfachen Auto- oder Bahnanreise beliebt. Vor allem Segler aus Nordrhein-Westfalen und dem westlichen Niedersachsen, aber auch aus Hessen und Rheinland-Pfalz sind in wenigen Stunden vor Ort. Das ist umweltschonend und hat den Vorteil, dass man auf dem Weg gleich den Proviant mitbringen kann, wobei die Supermärkte in den Niederlanden durchaus auch reizvolle Produkte wie Vla (Vanillepudding im Tetrapak), Stroopwaffels (Karamellkekse) oder allerlei Nahrungsmittel mit indonesischem Hintergrund bieten.

Informieren sollte man sich bei der Charterstation kurz, wo das Auto für die Törndauer abgestellt werden kann – meist geht das auf dem Marinagelände oder der Umgebung, in der Regel kostenfrei. Freies Parken ist wie in Deutschland an vielen Stellen sonst nur gegen Gebühr oder kurzzeitig möglich. Verbote sollte man tunlichst befolgen, die Bußgelder sind in Holland deutlich höher als in Deutschland. Das gilt übrigens auch für das Befolgen der Höchstgeschwindigkeit. Ein Hinweis: Ab März 2020 gilt tagsüber (6 bis 19 Uhr) auf Autobahnen Tempo 100.

CHARTER

Auch hier gilt: Beim Thema Charter bedeutet Watt eigentlich IJsselmeer. Ausnahme: Plattbodenschiffe mit Skipper und Maat. Die liegen oftmals in Harlingen, der Mini-Metropole des Wattenmeers. Beliebt sind die „Plattis“ wegen des geringen und variablen Tiefgangs dank der Seitenschwerter und der Möglichkeit des Trockenfallens. Das Angebot an Charterflotten ist groß, egal ob Yacht oder Plattboden. Charter-Hotspot für Yachten ist ganz eindeutig Lemmer mit mehreren großen Basen. Doch auch Lelystad, Stavoren, Workum und Enkhuizen bieten unterschiedlich gute und damit mehr oder weniger günstige Schiffe. Plattbodenschiffe konzentrieren sich im Bereich Workum, Gaastmeer und Heeg. Dabei sind die Schiffe mit und ohne Skipper zu chartern. Besonderheit in Workum: Sailcharter Friesland bietet Lemsteraaken mit Rollvorsegeln und Großsegeln mit Einleinen-Gaffelrigg und Lazybag. Das ist zwar nicht authentisch, aber ungemein praktisch. So vereint man den variablen Tiefgang eines Plattbodens mit der simplen Bedienung einer Yacht.

Die Charterpreise in Holland sind günstig, in Europa sind sie nur an der Ostsee vergleichbar niedrig. Bei den Kunden sehr, bei den Anbietern mäßig beliebt ist auch die Möglichkeit, nur ein Wochenende oder über Feiertage zu chartern, was in den Niederlanden deutlich ausgeprägter ist als anderswo, jedoch nicht von allen Vercharterern angeboten wird. Unbedingt empfehlenswert ist ein Schiff mit Heizung, da es auch im Sommer durchaus kalt werden kann. Zudem hilft die Wärmequelle, wenn mal Ölzeug getrocknet werden muss. Ein Beiboot ist nicht erforderlich, da man eigentlich immer in Häfen liegt. Gennaker bieten einige Firmen an; allerdings ist das große Segel eher ein Spaß für Könner.

Wer das Watt erst einmal in Begleitung ausprobieren möchte, kann an einer der angebotenen Flottillen teilnehmen. Eine davon ist das YACHT Skippertraining Wattensee, das jährlich im September stattfindet.

WIND & WETTER

Das niederländische Wattenmeer ist genau wie die deutsche Küste für seine unberechenbaren Sommer bekannt, auch wenn sich in den letzten Jahren die Supersommer wie 2018 häufen. Von April bis Anfang September dominieren Winde aus südwestlichen bis westlichen Richtungen das Bild. Sie wehen auf dem Watt in etwa so wie direkt an der Küste, das Mittel liegt bei 12 bis 16 Knoten oder 3 bis 4 Beaufort. Tage mit Regen sind immer möglich, mit 13 bis 20 Tagen pro Monat von April bis Oktober ist die Wahrscheinlichkeit hoch, der Regen bleibt jedoch nie lange. Selten regnet es länger als einen Tag am Stück. Zudem kann man diese Zeit aufgrund der perfekten touristischen Infrastruktur an Land auch ideal verbringen – kaum eine Destination, die bei Schietwetter nicht ein perfektes Alternativprogramm bieten würde. Das Watt ist anders als das IJsselmeer auch bei 6 Beaufort noch gut befahrbar. Durch die Sandbänke sind die Wellen weniger unangenehm, solange die Tide nicht gegen den Wind läuft. Gut gerefft lässt sich so auch die Rückfahrt von einer Insel ans Festland in Angriff nehmen, wenn 6 Beaufort wehen. Stehen Wind und Tide gegen einen, und ist das Fahrwasser zu eng zum Kreuzen, ist Motorleistung gefragt, um dauerhaft genügend Fahrt durchs Wasser zu gewährleisten.

NAVIGATION & SEEMANNSCHAFT

Das Wattenmeer ist navigatorisch durchaus anspruchsvoll. Die Fahrwasser sind gut betonnt, aber die Strömung und der sich verändernde Wasserstand erfordern eine sorgfältige Planung, wenn man mit Kielyachten das Watt befährt; eine Tide auf der Seite liegend will sicher niemand erleben. Ansonsten gilt im Wesentlichen der Grundsatz, dass man mit ablaufendem Wasser zu den Insel hin- und mit auflaufendem wieder zurückfährt. Literatur zum Fahren auf Tidengewässern gibt es viel. Ein sehr umfangreiches Werk ist „Segeln in Gezeitengewässern“ von Wilfried Krusekopf.

Im niederländischen Watt gibt es fünf bewohnte Inseln. Von West nach Ost sind das Texel, Vlieland, Terschelling, Ameland und Schiermonnikoog. Die ersten drei sind immer anlaufbar vom Festland aus. Ameland und Schiermonnikoog sind nur über Flachstellen hinweg erreichbar. Der Hafen der östlichsten Insel fällt sogar größtenteils trocken, im Rest des Beckens steht oft nicht mal ein Meter Wasser. Hier empfiehlt es sich unbedingt, den Hafenmeister zu kontaktieren und abzuklären, ob die Insel mit dem Tiefgang des Charterschiffes überhaupt erreichbar ist.

Brücken und Schleusen: Eigentlich sind es nur Schleusen, Brücken hat das Watt schlicht nicht. Die Schleusen in Den Helder, Den Oever, Kornwerderzand, Harlingen und Lauwersoog werden normal bedient. Beim Ausschleusen auf Salzwasser unbedingt auf die Strömung in die Schleusenkammer hinein achten und die Achterleine zuerst festmachen. Ansonsten sind die Schleusen unkritisch, allerdings kann es in der Hochsaison in Den Oever und Kornwerderzand sehr voll werden. Dann ist Geduld gefragt.

Eine Besonderheit bietet die Tsjerk Hiddessluizen in Harlingen: Durch sie wird mitunter bei Ebbe „gespuit“. Dabei wird die Schleuse einfach geöffnet, und große Mengen Wasser strömen aus Friesland ins Watt. Die Schleuse ist dann passierbar, aber es stehen einige Knoten Strom in der Kammer. Da möchte man vielleicht dann lieber nicht hindurch. Zu erkennen ist das „Spuien“ an drei roten Lampen im Dreieck.

HÄFEN & ANKERPLÄTZE

Besonders auf den Inseln sind die Häfen bestens ausgebaut und auf Gäste eingestellt. In Oudeschild auf Texel liegt man in Boxen mit kurzen Seitenstegen, auf Vlieland gibt es die Möglichkeit, längs zu liegen oder in Boxen, Terschelling bietet Längsliegeplätze. Das gilt auch für Ameland und Schiermonnikoog. Die Häfen sind im Sommer oft voll, einige werden bei voller Belegung einfach gesperrt, besonders Vlieland ist dafür bekannt. Dann muss man vor dem Hafen ankern und warten, bis der Hafenmeister einen hereinruft. Oder man plant die eigene Reise von vornherein mit der Website der www.waddenhavens.nl. Auf ihr lässt sich auf Webcams auch erkennen, was im Hafen los ist. Geankert wird, wenn überhaupt, nur vor Terschelling und Vlieland oder in geeigneten Prielen. Achtung: Beim Ankern die Höhe der Gezeit berechnen und die geringste Wassertiefe ermitteln. Reicht diese aus? Zudem gilt es zu bedenken, dass der Strom kentern wird und der Anker dann in die andere Richtung halten muss.

Am Festland gibt es Häfen in Den Helder, hier empfiehlt sich besonders der der königlichen Marine gleich an Steuerbord neben der Einfahrt, in Den Oever außen vor der Schleuse, in Harlingen im Noorder- und Zuiderhaven sowie in Lauwersoog. Allen gemein: Der Wasserstand ist logischerweise veränderlich, nicht immer sind Schwimmstege verfügbar (Noorderhaven Harlingen an Steuerbord). Dann heißt es, auch des Nachts, nach den Leinen zu schauen. Auch an den Schleusen Kornwerderzand und Den Oever ist es nach Rückfrage an die Schleusenwärter möglich, eine Nacht zu liegen. Wer nur wenig Tiefgang hat (weniger als 1,60 Meter) und es ruhig mag, der kann direkt hinter der Tsjerk Hiddessluizen scharf rechts abbiegen und in den Harlinger Binnenhafen fahren.

Es empfiehlt sich generell, sich an die Anweisungen der Hafenmeister und die Längentafeln an den Stegen zu halten. Auf den Inseln ist Päckchenliegen eher Regel als Ausnahme. Wer das nicht mag, sollte den Inseln fern bleiben.

LITERATUR & SEEKARTEN

Unverzichtbares Nachschlagewerk für jeden Törn ist der Wateralmanak des ANWB. Das zweibändige Werk listet unter anderem alle Telefonnummern, UKW-Kanäle sowie Öffnungszeiten von Brücken und Schleusen auf; zusätzlich gibt es sämtliche Hafeninfos. Pro Band 19,95 Euro, im Fachhandel erhältlich. Seekarten: Am häufigsten benutzt werden die Karten des ANWB, Satz 1811 und 1812 Waddenzee West und Oost. Gut sind auch die Karten des NV-Verlags, Satz NL 3, 49,00 Euro. Nautische Infos gibt es auf www.vaarweginformatie.nl. Allgemeine Infos zu Fahrwasser, Terminen, Aktivitäten, Land und Leuten stehen auf www.stegfunk.de, einem Portal für Wassersportler in den Niederlanden.

Zur Tidennavigation sehr praktisch ist der Atlas HP 33, der Tidenhöhen und Strömungen angibt. Informationen zu Gezeiten liefert die Website waterinfo.rws.nl. Ebenfalls viele Wattensee-Infos bietet die Seite nautin.nl.

REVIER-CHARAKTERISTIK Wattenmeer

Das Wattenmeer gilt offiziell als Binnenrevier, Tiden und Wetter sorgen aber für echtes Seefahrtsgefühl. Und es riecht nach Salzwasser. Seenebel ist berüchtigt, besonders im der Vorsaison. Dann wird die Navigation schwierig. Ebenso schwierig wird es, wenn Wind und Strom von vorn kommen. Dann sinkt die Fahrt über Grund rapide ab. Das gilt es einzuplanen, manchmal lässt es sich jedoch kaum vermeiden. Den Strom sollte man übrigens am besten auf seiner Seite haben, aber auch das ist nicht immer möglich. Viele Tipps zum Fahren auf dem Watt finden sich hier.

Gefährlich wird das Fahren auf dem Watt eigentlich nur in den Seegatten. Dort im Besonderen, wenn nördliche Winde wehen und das Wasser aus dem Watt abläuft. Dann bilden sich sogenannte Grundseen, die Yachten durchaus gefährlich werden können. Besonders bekannt für solche Situationen sind das Molengat westlich von Texel und das Seegatt zwischen Schiermonnikoog und Ameland.

Wer allerdings einmal mit dem Strom und einem passenden Wind in den Sonnenauf- oder -untergang fährt auf dem Watt, dabei ein Kaffee oder Tee in der Hand hält, der wird schnell erkennen, wie wunderschön es hier sein kann. Vielleicht kommt dann ja auch mal ein Seehund oder ein Schweinswal gucken. Und: Eine Reise übers Watt lässt den Skipper, wenn sie erfolgreich verlief, besonders zufrieden zurück, da ja die Herausforderung wegen der Strömung ein wenig höher ausfiel als etwa auf dem IJsselmeer.

Eine typische Runde mit einer Kielyacht könnte so aussehen:

Tag 1: Lemmer nach Den Oever, ca. 25 Seemeilen
Tag 2: Den Oever nach Oudeschild, ca. 11 Seemeilen
Tag 3: Oudeschild nach Vlieland über den Paardehoek, ca. 32 Seemeilen
Tag 4: Vlieland nach Terschelling, ca. 10 Seemeilen
Tag 5: Terschelling nach Harlingen, ca. 16 Seemeilen
Tag 6: Harlingen nach Lemmer, ca. 40 Seemeilen

Dann hat man alle wichtigen Ziele angefahren, ohne wirklich in Stress zu geraten. Je nachdem, wie die Tide steht, geht die Runde auch ohne extreme Uhrzeiten. Außer der Etappe von Oudeschild nach Vlieland lassen sich alle Abschnitte zu jeder Zeit fahren, nur läuft dann eventuell die Tide gegenan. So werden aus 5 Knoten Fahrt durchs Wasser schon mal nur 2,5 Knoten über Grund, es dauert dann eben länger. Auf der Etappe von Texel weg geht es über ein Flach, sofern man die Abkürzung über den Scheurak/Inschot/Paardenhoek nimmt. Dort sollte man etwa 1 Stunde vor Hochwasser Kornwerderzand ankommen, dann passt es auch mit zwei Metern Tiefgang (unveränderte Kartentiefe vorausgesetzt!).

Es empfiehlt sich, auf dem Watt sehr sorgfältig zu navigieren. Schnell trägt einen die Strömung aus dem Fahrwasser oder werden Tonnen verwechselt, neben dem Fahrwasser ist es meist gleich untief. Ausnahme: An einigen Stellen liegen gelbe Tonnen außerhalb der Fahrwasser, sie zeigen eine Zwei-Meter-Tiefenlinie. Der Bereich zwischen dem Fahrwasser und diesen gelben Tonnen soll ausdrücklich von Freizeitskippern genutzt werden, auch um den mitunter sehr schnellen Fähren genügend Raum zu geben.

Eine Besonderheit auf dem Wattenmeer ist die sogenannte braune Flotte; sie heißt so, weil sie früher dunkle (braune) Segel führte. Es handelt sich dabei um alte Frachtschiffe, die zu Passagierschiffen umgebaut wurden. Die Kapitäne auf den Schiffen sind meist etwas eigenwillig. Sie gelten als Berufsschifffahrt und genießen daher auf dem Binnengewässer Vorfahrt, die sie sich auch gern nehmen. Es empfiehlt sich also, Abstand zu halten.

Die Inseln selbst sind alle unterschiedlich. Texel ist eine Familieninsel mit riesigen Stränden und dem Seehundezentrum Ecomare, Vlieland ist eine sehr kleine Insel, die im Sommer schon fast an die Ile de Porquerolles in Südfrankreich erinnert: Pinienwälder, Strand, keine Autos, ein kleiner Ort und eben Ruhe. Der Strand beginnt übrigens quasi am Yachthafen. Ach ja: Keine Autos stimmt nicht ganz. Legendär ist natürlich der Vliehors Express.

Terschelling wiederum ist eine lebendigere Insel: viele Restaurants und Kneipen, mehrere Orte und natürlich auch der Strand. Eine der schönsten Ecken ist der „Paviljoen de Walvis“ in West-Terschelling. Dort mit einem Kaltgetränk sitzend, lässt sich bestens der Schiffsverkehr vom und in den Hafen beobachten und kommentieren. Voll wird es auf Terschelling vor allem zum Oerol-Festival. Immer im Juni verwandelt sich die Insel in eine Kleinkunstbühne, bunt, schrill, extravagant. Sollte man mal gesehen haben.

Ameland ist ebenfalls eine Familieninsel, und auf Schiermonnikoog wird es sehr ruhig.

Am Festland wartet Lauwersoog mit seinen Fischbuden auf Gäste, viel mehr ist hier jedoch nicht los. Dann lieber auf dem Rückweg gen Lemmer, wenn es die große Wattrunde wird, gleich bis Dokkum durchfahren. Harlingen ist die nächste Stadt am Festland. Auch hier lohnt sich ein Stopp. Den Oever und Den Helder haben nicht allzu viel zu bieten, wenngleich das Rettungsboot- und das Marinemuseum in Den Helder durchaus sehenswert sind. Doch klar ist: Die Highlights des Reviers sind die Inseln. Und die sind wirklich zu jeder Jahreszeit eine Reise wert!